Grüne Hauptstadt Europas 2017: Essen im Ruhrgebiet

Der eine oder andere hat es vielleicht schon mitbekommen. Wenn er, wie ich, in der Metropolregion Ruhr lebt, jedoch mit Sicherheit: Die Stadt Essen ist für das Jahr 2017 offiziell zur Grünen Hauptstadt Europas erklärt worden! Da wir uns in Zukunft im VIVANI Schoko-Blog neben den Themen Genuss und Schokolade vermehrt auch mit nachhaltigen Themen beschäftigen möchten, werfen wir heute einen Blick auf die European Green Capital Essen. Was verbirgt sich hinter diesem Ehrentitel und warum hat ihn ausgerechnet Essen erhalten, eine Stadt inmitten des ehemals schwerindustriellen Kohlenpotts?

Grüne Hauptstadt Europas – was ist das?

Vorbildliche Städte, die ihr wirtschaftliches Wachstum bewusst mit nachhaltigen Konzepten und grünen Ideen verbinden – so in etwa sah die Vision von Jüri Ratas, dem ehemaligen Bürgermeister der estländischen Hauptstadt Tallin, aus. Auch 15 andere europäische Städte hatten Visionen von einem grüneren Europa. Heraus kam 2006 eine Initiative für grünere, nachhaltigere Städte in Europa, mit mehr Lebensqualität und besseren Vorraussetzungen für die Gesundheit ihrer Einwohner. Bis heute traten mehr als 40 Städte der Initiative bei und die Idee der Vergabe eines Ehrentitels für besonders vorbildliche Städte war geboren. Dazu müssen die Städte mit einer Mindesteinwohnerzahl von 100.000 Bürgern viele Kriterien erfüllen und nachhaltige Konzepte vorweisen, z. B. für Natur- und Artenschutz, Luft- und Wasserqualität, Verkehr, den Umgang mit Müll und dem Kampf gegen den Klimawandel. Wichtig für die Titelvergabe ist darüber hinaus, dass die Städte auf der einen Seite bereits viel für den Umweltschutz tun und sich auf der anderen Seite aber auch weitere, ehrgeizige Ziele für kontinuierliche Verbesserungen in der Zukunft gesteckt haben.

Im Jahr 2010 war es dann soweit und die erste Titelvergabe durch die Jury aus Vertretern der EU-Kommission, des EU-Parlamentes, der Europäischen Umweltagentur und führenden Umweltverbänden ging an sie Stadt Stockholm. Mit Hamburg folgte 2011 die neben Essen bis dato einzige deutsche Stadt unter den bisherigen 8 europäischen Preisträgerinnen. Für das kommende Jahr 2018 ist der Titel bereits an das niederländische Nijmegen vergeben.

Nach dem Pulsschlag aus Stahl kommt das grüne Herz

Herbert Grönemeyer besang in den 1980er Jahren Essens Nachbarstadt Bochum im gleichnamigen Kulthit mit dem sprichwörtlichen Pulsschlag aus Stahl. Da die Ruhrgebietsstädte eine Metropolregion sind und hier alles so eng miteinander verwoben ist, wie in kaum einer anderen Ecke Deutschlands, lässt sich das Industrie-Image auf die ganze Region übertragen. Ruhrgebiet gleich Kohlenpott. Ruhrgebiet gleich schwarz-grau statt grün. Ruhrgebiet gleich Industrie und Smog in der Luft. Geht man einige Jahrzehnte zurück, treffen dieses Klischees tatsächlich zu. Aber in den letzten Jahren, seit dem Aus der Zechen und dem Niedergang der Stahlindustrie, weht ein frischer Wind durchs Revier, der Strukturwandel heißt und den Kohlenstaub von den frischen Blättchen der neu erblühenden Region pustet. Dass dies nicht immer so einfach ist, zeigen Krisen und Arbeitsplatzverluste, wie zuletzt am Beispiel des Bochumer Opel-Werks. Es gibt Revier-Städte, die bewältigen die Veränderungen leichter, andere, vor allem die des nördlichen Ruhrgebietes, leiden noch immer an den immensen Folgen des Paradigmenwechsels. Doch die bisweilen schmerzliche Umorientierung einer ganzen Metropolregion schreitet unaufhaltsam voran und zeigt erste wunderbare, zukunftsweisende Perspektiven. Ein gutes Beispiel ist Essen, das mit seiner Hinwendung zur nachhaltigen und grünen Stadtentwicklung eine Vorbildrolle für die ganze Region auf sich nimmt.

Essen als Grüne Hauptstadt Europas 2017

Diese Vorbildfunktion für eine ganze Region war einer der Ausschlaggeber, warum sich die Jury für Essen entschied. Die Stadt beeindruckte das Komitee mit seiner ganzheitlichen Bewerbung, die beschreibt, wie Essen in Zukunft zu einer dauerhaft lebenswerten Kommune für seine Bürger werden soll. Mit der Titelvergabe 2017 wurde zum ersten Mal überhaupt eine Stadt der ehemaligen Montanindustrie als European Green Capital ausgezeichnet.

Essen hatte sich viel vorgenommen, um den Titel zu erlangen und nimmt sich ebenso viel für die Zukunft vor, um die Stadt beständig grüner und nachhaltiger zu gestalten. Zwölf Themenfelder gilt es von Seiten der EU abzudecken. Daneben hat Essen seine wichtigsten Anliegen in fünf eigene Komplexe gebündelt: Wege (nachhaltige Mobilität), Flüsse (Emscher und Ruhr), Grün (Parkanlagen und Grünflächen), Einkauf (nachhaltiger Konsum) und Zukunft (nachhaltige Jobs und grüne Bildung). Viele Bedingungen in der Stadt sind schon jetzt ausgezeichnet grün. Beispielsweise liegt Essen mit seinen 53 % Grün- und Freiflächen (auf das gesamte Stadtgebiet verteilt) auf Platz drei der grünsten Städte Deutschlands. Essen bietet 718 Grünanlagen, 436 Spielplätze, 376 km Radwege und 1750 ha Wald. Für die Zukunft verpflichtet sich die Stadt zu vielen, noch höher gesteckten Qualitätsmerkmalen. Einige Beispiele: Bis 2020 soll jeder Bürger nur noch maximal 500 Meter bis zum nächsten Grün zurücklegen müssen, bis 2025 sollen insgesamt 20.000 Menschen in Umweltjobs arbeiten und bis 2035 soll 25 % des Verkehrs aus Radfahrern bestehen.

Das Jahr der Umwelthauptstadt Europas wird in Essen mit einem großen Begleitprogramm aus Aktionen und Projekten gestaltet. Ob Ausstellungen, Workshops, Mitmachaktionen, Vorträge, Feste und vieles mehr – es lohnt sich, auch als Nicht-Essener, immer mal wieder in den Veranstaltungskalender auf essengreen.capital zu schauen.

Fotocredits: Stadtgarten & Krupp Park © Johannes Kassenberg | Fahrrad © Jochen Tack

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