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Eine Forschungsreise zum Ursprung des Kakaos in Ecuador – Teil IV: Bebende Erden

Teil 4. Im Kakaoherzen Ecuadors

[Wer die bisherigen Teile der Ecuador-Expedition verpasst hat: Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3]

Draußen dämmert es allmählich. Wir sitzen mit Carlos und seinem 16-jährigen Sohn Gabriel am Esstisch und gucken uns das Video-Interview an, das wir gerade in seinem Garten mit ihm aufnahmen. Carlos ist der warmherzige Präsident einer kleinen Kakao-Kooperative und wir hatten das Glück, dass er uns drei Tage bei sich aufnahm und uns einen Einblick in sein Leben als Familienvater und Kakaoproduzent gewährte. Im Rahmen unserer Masterarbeit machen Eduard und ich auch ein Video, in dem wir verschiedene Akteure im Kakaosektor nach ihrer Beziehung zum Kakao, den damit verbundenen Herausforderungen und ihren Vorschlägen für ein optimales Kakaohandelssystem befragen. Wir schauen alle gebannt auf das Video, bis Gabriel zum leichtwackelnden Mobilee aufschaut und fragt: Erdbeben? Ich antworte darauf fragend: Ist das nicht der Windzug? Alle zucken mit der Schulter und Carlos sagt: Hm, vielleicht war das ein kleines Erdbeben. Wir gucken wieder auf den Monitor, wo Ramon Estupinan von der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) gerade seine Meinung abgibt. Bis plötzlich alles um uns herum stark zu wackeln beginnt, wir uns mit starren Blicken anschauen, plötzlich aufstehen, aber noch nicht wissen wohin mit uns, als plötzlich Gläser klirren und der Wandschrank zu taumeln beginnt. Eduard will ihn noch retten, aber Carlos ruft: Raus, vors Haus! Draußen ist es bereits dunkel, und irgendwie hab ich es geschafft, meine Stirnlampe dabei zu haben. Wir stehen alle wie eingefroren draußen, meine Stirnlampe wirft einen Lichtkegel auf das Haus und den schwankenden Schrankund ich frage mich was da gerade passiert und was noch passieren wird. Bricht das Haus gleichzusammen? Oder tut sich jeden Moment ein riesiger Spalt unter mir auf, der mich in dunkle Tiefen reißt? Ist das überhaupt möglich?carlos_radeljic-fischer

Das Beben lässt nach. Der Strom ist weg und das Mobilfunknetz ist auch zusammengebrochen. Aber Carlos hat zum Glück sein Funkgerät dabei, in dem die verzweifelte Stimme einer Frau zu hören ist, die gerade berichtet, dass ihr Haus zusammengebrochen sei und sie im Dunkeln allein mit ihrem kleinen Kind draußen steht. Wir gehen zurück ins Haus, wo Glasscherben den Boden bedecken und Ramon Estupinan von der GIZ immer noch engagiert auf dem Monitor von den Herausforderungen im Kakaosektor berichtet. Das ist im Augenblick nicht das womit wir uns beschäftigen wollen, also aus. Bei einem Rundgang durch und um das Haus, merken wir schnell, dass das Haus zum Glück keine größeren Schäden davon getragen hat, denn alle Mauern stehen noch. Wir essen im gemütlichen Kerzenschein Abendbrot, schmieden Notfallpläne für den Fall, dass es noch einmal bebt und gehen ein wenig angespannt schlafen.

Nachdem uns in der Nacht noch ein Beben aus dem Bett reißt, erfahren wir erst in den nächsten Tagen, was für katastrophale Ausmaße das Erdbeben in anderen Orten Ecuadors angenommen hat. Besonders mehrstöckige Häuser aus Beton fielen in sich zusammen. Da muss ich an Carlos Geschichte denken, die er mir am Nachmittag vor dem Erdbeben erzählt hat und denke mir, dass es vielleicht doch manchmal eine Art Vorbestimmung gibt. Denn er erzählte mir, dass er eigentlich ein zweistöckiges Gebäude bauen wollte, doch um dieses finanzieren zu können, habe er sein großes Auto verkaufen müssen, mit dem er beispielsweise gut seinen Kakao transportieren konnte. Stattdessen kaufte er sich ein kleines altes Auto, doch das stellte sich bald als ein teures Reperaturvergnügen heraus, in einer Zeit in der auch noch sein letztes Geld inflationsbedingt an Wert verlor. Und dann wurde noch seine Mutter krank, sodass es finanziell nur für ein kleines erdgeschossiges Haus mit Wellblechdach gereicht hat. Nicht dass das eine schöne Geschichte wäre. Doch dachte ich mir, dass das vielleicht ein Grund ist, weshalb wir alle noch am leben geblieben sind und keine Decken über uns zusammen brechen konnten. Wer weiß schon, welche Krisen sich in Zukunft letzlich dann doch als Glücksfall entpuppen werden?!

Trotzdem mussten wir mitbekommen, in was für einer schwierigen Lage sich Carlos und seine Kooperative befinen, denn sie können ihren konventionellen Kakao zurzeit nur an irgendwelche Zwischenhändler verkaufen, die ihn dann an Großhändler weiterverkaufen und irgendwo dazwischen noch versuchen einen kleinen Gewinn zu machen. In Carlos Erzählungen und einem Gruppenworkshop mit den ProduzentInnen war deutlich Trauer über diese Art des Kakaohandels zu spüren: „Wenn wir in die Stadt gehen, um unseren Kakao an die Zwischenhändler zu verkaufen, dann haben wir uns natürlich vorher im Radio oder Internet erkundigt, wo der aktuelle Kakaopreis auf dem Weltmarkt liegt. Auch kennen wir die Qualität unseres Kakaos. Bei den Zwischenhändlern gehen aber all unsere Prinzipien, die wir in unserer Kooperative leben, verloren und sie versuchen, den Preis zu drücken. Wenn wir ihnen erzählen, wir wüssten aber ganz genau aus dem Radio, dass der Kakaopreis gerade höher ist, dann sagen sie‚ „dann verkauf doch an das Radio!“, so Carlos. Auch sei ihnen bewusst, dass der Gebrauch von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, wie das Totalherbizid Glyphosat, für Menschen und Umwelt schlecht ist, aber solang sie keinen höheren Preis für ihren Kakao bekämen, können sie sich keine Angestellten leisten, die ihnen auf der Plantage helfen. Deshalb wolle er direkte Käufer für seinen Kakao finden, die seine Arbeit anerkennen und langfristig auf Bio umsteigen, sagt Carlos ein wenig resigniert und doch hoffnungsvoll.

Dass direkte Handelsbeziehungen zwischen Kakao-Kooperativen und Schokoladenherstellern für beide Seiten gut funktionieren können, zeigten uns weitere Projekte, die wir besuchten. Die Kooperative APROCANE zum Beispiel pflegt bereits seit gut 10 Jahren eine direkte Handelsbeziehung mit einem Schweizer Schokoladenhersteller. Der Vertreter der Kooperative schien wirklich stolz auf diese enge Beziehung zu sein. Es herrscht ein reger Austausch zwischen dem Schokoladenhersteller und der Kakao-Kooperative, sodass eine Beziehung auf Augenhöhe bestehe und langfristige Verträge Sicherheiten auf beiden Seiten ermöglichen. Da die Kakao-Kooperative qualitativ hochwertigen Kakao produziert und der Schokoladenhersteller in den letzten Jahren gewachsen sei, habe auch die Kooperative direkt davon profitiert. So ist die direkte und langfristige Handelsbeziehung ein geschlossener Kreislauf, der sich bisher äußerst positiv dargestellt hat.

kallari_chakra_radeljic1Von der Westküste ging es dann für uns in einer Nachtfahrt ganz in den Osten Ecuadors, in den Amazonas nach Tena. Hier befindet sich die Kooperative Kallari, deren Ziel der Erhalt der indigenen Kichwa-Kultur und des Regenwaldes ist. Hier soll aktuellen Studien zufolge der tatsächliche Ursprung des Kakaobaums liegen. Seit Jahrhunderten schon bauen die Familien ihre Nahrungsmittel nach dem sogenannten „Chakra“-Prinzip an. Christina, eine der Kakaoproduzentinnen, führte uns hier durch ihren Kakaowald, wo sie neben Kakao auch Yuka, Bananen, Zitrusfrüchte etc. anbaut – und sogar Vanille. Da Vanille eine gern genutzte Zutat in der Schokolade ist, sorgt die Kooperative dafür, dass sie das Einkommen der ProduzentInnen z.B. durch den Vanille-Anbau steigert. Was hier besonders spannend war: Die Mehrhheit der Kooperativenmitglieder sind Frauen! Judy Logback, eine Amerikanerin, die Kallari mitgegründet hat, gab folgende Erklärung: Das habe ganz einfach mit der Kolonialgeschichte zu tun. Dort, wo die Kirche erschien und Einfluss ausübte, wurden matriarchale Strukturen von patriarchalen abgelöst. Die Kirche sei in Ecuador an der Küste aktiver gewesen und sei nicht so tief in den Amazonas vorgedrungen, sodass die Kichwa-Kultur noch weitestgehend matriarchal organisiert sei und somit die Frauen auch wirtschaftlich die führende Rolle in der Familie haben. Aha, schön auch solche Orte noch auf dieser Welt zu finden.

tesoro_escondido_fischerVom Kulturschutz zum Naturschutz. Tesoro Escondido, auf deutsch „verborgener Schatz“, wird seinem Namen mehr als gerecht. Tesoro Escondido ist eine kleine Siedlung, die tatsächlich versteckt, weit ab von jeglichen Straßen und Stromanschlüssen im Regenwald Ecuadors liegt. Um dort hin zu gelangen, braucht man lokale Kontakte, die einen von dem Örtchen Golondrinas aus mit dem Auto abholen. Hier wurden Eduard und ich von der Biologin Sylvana vom Projekt Washu und dem Kakaoproduzenten Felipe abgeholt. Wie immer in Ecuador wurde die Ladefläche des Vans noch mit weiteren Personen aus den umliegenden Dörfern vollgeladen. Der Weg ist nicht gerade einfach, denn es muss ein Fluss überquert werden, der keine Brücke hat. Das dort aktive Holzunternehmen hat jedoch eine kleine „Fähre“, oder in anderen Worten „ein großes Floß“, dass die Fahrzeuge und ihre Insassen gegen Bezahlung auf die andere Seite überführt. Aber nur bis 18:00 Uhr. Um 18:07 Uhr – fast so pünktlich wie ich es nur von den Deutschen kenne – ist es schon zu spät, da lassen sie einen auch gern wieder den zweistündigen Weg zurück ins nächste Örtchen fahren. Oder am Flussufer campieren, ganz egal. Letzteres hätten wir auch tesoro_escondido_radeljic_3fast gemacht, doch haben wir es mit viel Überzeugungsarbeit geschafft, für 20$ (anstatt von üblicherweise 2$) über den Fluss gebracht zu werden. Im Dunkeln angekommen, waren wir dann doch noch nicht am finalen Ziel angelangt. Mit Taschenlampen ausgerüstet, ging es dann noch gut eine Stunde zu Fuß durch den Dschungel. Es war so matschig, dass man jeden Schritt wirklich gut planen musste. An Bäumen festhalten wurde abgeraten, denn tummeln sich dort manchmal die sogenannten Congas, große Ameisen, die stechen können. Undwenn sie einen Stechen, dann soll es einen höllischen Schmerz für mehrere Tage verursachen und schlimmer noch, das betroffene Glied für einige Zeit lähmen. Also war hier eine gute Balance im Schlamm angesagt. Auch kreuzte uns eine Schlange. Zum Glück waren alle mit Gummistiefeln ausgestattet, die unsere Beine vor Schlamm und Schlangen schützten.
Die Kakao-Kooperative in Tesoro Escondido hat sich zusammen mit dem Projekt Washu zum Zielgesetzt, die Kakaoproduktion hinsichtlich Qualität und Quantität zu verbessern, ohne die aktuellen Kakaoflächen zu vergrößern, um damit den Primärregenwald zu schützen und den Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Klammeraffen (engl. Spider Monkeys) zu bewahren. Direkte Käufer spielen hier auch wieder eine zentrale Rolle, da sie den KakaoproduzentInnen durch einen angemessenen Kakaopreis eine alternative Einkommensquelle ermöglichen.

UNOCACE war die letzte Station unserer zweimonatigen Kakaoreise in Ecuador. Als wir dort ankamen, waren wir wirklich erschöpft von der Reise und von dem Erdbeben mit seinen ständigen Nachbeben. Die Angst vor einem weiteren schweren Beben saß uns in den Knochen. Ich schaute mir in jedem Gebäude an, wo der schnellste Weg zum Ausgang ist, falls es wieder los geht und vermied höhere Stockwerke. UNOCACE ist eine der großen Dachorganisationen von zertifizierten Kakao-Kooperativen in Ecuador. UNOCACE arbeitet zusammen mit einem Schweizer Schokoladenunternehmen und Nichtregierungsorganisationen am „Proyecto Finca“. Hier werden die KakaoproduzentInnen in agroforstwirtschaftlichen Anbaumethoden geschult und ein wesentliches Ziel dabei ist es, über den Eigenbedarf hinaus Nahrungsmittel wie Bananen und Zitrusfrüchte anzubauen, die zertifiziert und zu einem besseren Preis auf dem Markt verkauft werden können. Denn vom Kakao allein können die meisten ProduzentInnen auch hier nicht leben.

unocace-radeljic-fischerRückblickend auf alle Orte und Menschen, die wir im ecuadorianischen Kakaosektor getroffen haben, fällt uns auf: Alle bemühen sich darum, eine positivere Auswirkung auf die Natur zu haben und ein besseres Einkommen für die KakaoproduzentInnen zu generieren. Zum Beispiel auch mit einer erhöhten Wertschöpfung im eigenen Land, sodass die rohen Kakaobohnen schon im Ursprung zur Kakaomasse verarbeitet werden. Zu sehen, dass es auch bereits Schokoladenunternehmen gibt, die sich mit dem Ursprung ihres Kakaos beschäftigen und zusammen mit den KakaoproduzentInnen Verantwortung für ihr gemeinsames sozial-ökologisches System übernehmen, gibt uns Hoffnung. In einer Welt, in der wir häufig nicht mehr wissen, wo unsere Milch, unser Brot, unsere Jeans und unsere Schokolade herkommen, ist ein Verantwortungsgefühl für die Menschen und die Natur, die diese Dinge produzieren selten spürbar. Woher soll ich wissen, was innerhalb einer Produktionskette geschieht? Und wie soll ich als KonsumentIn darauf Einfluss nehmen? Bei der Milch könnte ich vielleicht noch einen Bauern in meiner Umgebung suchen, aber beim Kakao wird das schon schwieriger. Deshalb gibt es derzeit Bemühungen von einigen Unternehmen, direkte Beziehungen zu KakaoproduzentInnen aufzubauen, ihnen einen würdigen Preis für ihren Kakao zu bezahlen und sie bei ökologischen Anbaumethoden zu unterstützen. Das ermöglicht den MitarbeiterInnen des Unternehmens ein tieferes und ganzheitlicheres Verständnis für ihr Arbeitsfeld, was so bei den KundInnen authentisch spürbar werden kann. Auch Peer-to-Peer Zertifizierungen, wo KakaoproduzentInnen und KosumentInnen aktiv am Zertifizierungsprozess teilnehmen können sowie grundsätzlich die Auseinandersetzung aller Beteiligten mit natürlichen Kreislaufsystemen (Stichwort „Permakultur“), können uns auch in einem globalen System näher zueinander führen und uns eine verantwortungsvolle Entscheidungsgrundlage bieten. Vielleicht sind wir als bewusste KonsumentInnen dann auch bereit, etwas mehr für die Schokolade zu bezahlen und diese dann aber voll und ganz genießen zu können.


You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” ― R. Buckminster Fuller


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Bildrechte:
Alle Bilder © Radeljić, Fischer, außer Bild 3 © Fischer und Bild 2, 4, 6 © Radeljić

From Bean to Bean – Kaffee und Schokolade Teil 2


Teil 1 „Kaffee & Schokolade – Von der Pflanze bis zum Endprodukt“
Teil 3 „Eine kleine Kaffeegeschichte“


II – Vom Genussgut zur problematischen Massenware

Im ersten Teil unseres Aktionsmonat-Specials „From Bean to Bean“ haben wir uns mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Kaffee und Schokolade in Hinblick auf Kultivierung, Produktion und Endprodukt befasst. Heute geht es um die Genießerszenen auf der einen und die unbedachten Konsumenten auf der anderen Seite. Was bedeutet der Massenkonsum für unsere Umwelt? Wie können Konzepte wie Bio oder Faitrade helfen, den Problemen zu begegnen? Der dritte Teil des Specials wird sich allein dem Thema Kaffee widmen und euch mit Zahlen, geschichtlichen Facts und Anekdoten zum schwarzen Kultgetränk versorgen.

Chocolatiers, Baristas und Röster: Connaisseure im Dienste der Kunst

Was in der Schokoladenwelt ein Chocolatier ist, ist im Kaffeeuniversum der Barista. So ähnlich aber auch wieder nicht könnte man die Parallele zwischen den Gourmetszenen von Schokolade und Kaffees ziehen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sowohl Chocolatiers als auch Baristas ihr Genussmittel künstlerisch in Form bringen, Experten mit viel Erfahrung auf ihrem Gebiet sind und in aller Regel mit ihrem Herzblut für die Sache leben. Ein großer Unterschied besteht jedoch im Ausbildungsgrad der beiden Berufe – oder sollte man besser sagen „Berufungen“? Während der Barista sich sein Wissen durch Kurse, Seminare und Co. erarbeiten muss, übt der Chocolatier als Konditor mit Spezialgebiet Schokolade einen echten, staatlich anerkannten Ausbildungsberuf aus.

Neben dem Ausbildungsgrad kommt auf dem Gebiet des Kaffees ein weiterer, wichtiger Unterschied hinzu. Hier arbeiten nämlich gleich zwei Experten Hand in Hand: der Röster und der Barista. Während der Barista für die künstlerische und geschmackliche Präsentation des Kaffees in der Tasse verantwortlich ist, hat der Röster mit dem Rohstoff Kaffee zu tun und lässt als versierter Aromenzauberer die spannendsten Nuancen in den Bohnen entstehen. Konnte sich der Kaffeeröster bis 1972 ebenfalls noch mit einem anerkannten Ausbildungsberuf rühmen, verhält es sich mit dem Handwerk heute wie mit dem des Barista. Das Hobby wird durch viel Leidenschaft und Probieren zum Beruf, unterstützt von Kursen und Seminaren.

Kaffee & Schokolade: problematischer Massenanbau bedroht die Umwelt

Der Genießerszene auf der einen steht auf der anderen Seite eine breite Masse an Konsumenten gegenüber, die sich nicht oder nur sehr wenig für Herkunft, Anbau- und Produktionsbedingungen ihres Tässchens Kaffee oder ihres Stückchens Schokolade interessiert. Hauptsache: der Preis stimmt! Dabei kann es einem regelrecht den Appetit verderben, schaut man sich beispielsweise die verheerenden Umweltfolgen des massenhaften Kaffee- und Kakaoanbaus an. Da beide Pflanzen im Vergleich zu ihrer Größe nur wenig Ertrag liefern (Kakao jährlich max. 2.000 g Kakaobohnen, Kaffee jährlich 500 bis 1.000 g Rohkaffee), werden riesige Flächen zur Kultivierung benötigt. Diese werden nach ihrer schonungslosen Rodung im problematischen Massenanbau mit Monokulturen bepflanzt, die Tierarten verdrängen, Böden auslaugen und Unmengen an künstlichem Dünger und vor allem auch Wasser schlucken. Denn: Kakao und Kaffee dürfen nicht zu viel Sonne ausgesetzt werden und suchen sich in der Wildnis ganz natürlich ihre Standorte nahe großer Schattenbäume aus. Da sie auf den Plantagen gnadenloser Tropensonne ausgeliefert sind, müssen sie stark bewässert werden, um nicht zu verkümmern. Der sogenannte virtuelle Wasserverbrauch eines Kilogramms Röstkaffee beträgt etwa 21.000 Liter Wasser, der eines Kilogramms Kakaobohnen unglaubliche 27.000 Liter Wasser! Zur Umrechnung: Ein Tässchen Kaffee mit 7 g Pulver aufgebrüht benötigt in der Entstehung 140 Liter Wasser!

Was kann man tun? Die Lösung scheint einfach, kostet den meisten Menschen aber zu viel Geld: Zertifiziert nachhaltig erzeugte Bio-Ware kaufen! Denn: Hier wird auf natürliche Anbauarten wie Mischkulturen und Agroforstsysteme gesetzt. Schattenpflanzen machen das Bewässern unnötig und Flora und Fauna können ganz normal parallel zum Anbau durch Kleinbauern existieren. Wenn gedüngt wird, dann nur vorsichtig und mit natürlichen Stoffen wie z. B. Guano.

Bio ist gut – was ist mit Fairtrade?

Neben den Umweltproblemen des Massenanbaus bringt der intensive Kaffeeanbau auf großen Plantagen leider auch einen weiteren, traurigen Missstand mit sich, der sich bekanntermaßen auch im Kakaoanbau findet: Kinderarbeit. Vor allem afrikanische Länder wie Kenia oder Tansania sind betroffen, aber auch aus mittelamerikanischen Staaten wie Guatemala und Honduras sind erschreckende Ausmaße bekannt. In vielen Ländern sind rund die Hälfte der Arbeiter im Kaffeeanbau Kinder. Da die Ernte oft noch mühsame Handarbeit ist, werden gerne Kinder eingesetzt, die ihren bitterarmen Familien durch einen Hungerlohn das Einkommen etwas aufbessern. Aber auch in den Bereichen Transport und Düngung bzw. Umgang mit Pestiziden sind Kinder tätig, was oft schlimme gesundheitliche Folgen für die Kleinen hat.

Helfen kann, wie auch beim Kakao, die Produktion unter Fairtrade-Bedingungen. Das Siegel macht sich dafür stark, Kleinbauern gerechte Löhne zu sichern, beinhaltet aber auch ein entwicklungspolitisches Konzept. Aufbau von demokratischen Gemeinschaften, Bildung und ökologischer Landbau gehören neben vielen weiteren Inhalten mit dazu.

Aber in den letzten Jahren mehren sich auch immer mehr Stimmen, die Fairtrade als undurchsichtiges Konzept kritisieren. Verschiedene Siegel sind in Gebrauch, angelegt mit jeweils anderen Kriterien. Es gibt Stimmen, die Fairtrade-Kaffee als extrem uneffektives Mittel zur Armutsbekämpfung brandmarken. Andere Studien beweisen das Gegenteil. Eine große Diskussion – in die wir uns an dieser Stelle nicht einklinken können. Fakt ist: Es gibt bereits ein Gegenmodelle zum Fairtrade, das sich als Direct Trade bezeichnet. Hierbei ist der Handelspartner des Kaffeerösters nicht die Kaffeekooperative, sondern die Bauern direkt. Der Röster schaut sich in aller Regel die Produktion vor Ort an und überzeugt sich von der Qualität. Dadurch haben die Bauern eine direkte Handelsbeziehung und mehr Einnahmen. Der Vorteil für den Röster liegt auf der Hand: Durch die eigene Qualitätskontrolle kann er Spitzenkaffees garantieren. Unter regulären Fairtrade-Bedingungen wird Kaffee in sämtlichen Qualitätsstufen produziert.

Kapselmüll und Co. – zur Verbesserung der Ökobilanz von Kaffee

Durch Siegel wie Fairtrade oder das Direct Trade-Konzept werden also Fairness, Qualität und Umweltschutz in den Anbauländern gefördert. Aber auch die Großkonzerne werden in die Schranken verwiesen und daran gehindert, ihre Macht noch weiter auszubauen. Doch Großkonzerne gehen ebenfalls mit der Zeit und schicken Innovationen auf den Markt, die neue Absatzmärkte erschließen. Ein Beispiel: Superschnelle Kaffeespezialitäten auf Knopfdruck durch Pads oder Kapseln. Während die Pads einfach nur schlecht schmecken und nur selten hergeben, was sie versprechen, sind die kleinen Kapseln tickende Müllbomben. Der energiefressende Abbau des umstrittenen Aluminiums auf der einen summiert sich mit weltweit 12,3 Kilogramm Alu-Kapsel-Müll pro Minute auf der anderen Seite zur regelrechten Umweltsünde. Unter Umweltaktivisten kursiert der Slogan: „Müll hat einen Namen: Nespresso“. Und die Konzerne kassieren. Rechnet man die kleinen Kaffeemengen, die in den Kapseln enthalten sind, auf, verdient der Marktführer rund 60 Euro pro Kilo Kaffee, Discounter noch zwischen 12 und 20 Euro! Ein doppelter Skandal, wenn man die nur mäßige Qualität des Kaffees dagegen abwägt.

Wer also eine gute Ökobilanz in seiner Tasse haben möchte, sollte beachten: Finger weg von Kapselmaschinen und anderem Schnickschnack, wieder hin zu traditionellem Filterkaffee, Frenchpress oder Espressokännchen. Dazu dann noch nachhaltig produzierten Kaffee wählen, am besten Bio. Denn eine 2014er Studie aus der Schweiz ergab, dass die Kultivierung des Kaffees im schlimmsten Falle 70 % der Umweltbelastung des Genussmittels ausmacht. Wird auf Nachhaltigkeit geachtet, kann sich dieser Wert bestenfalls auf gerade einmal 1 % reduzieren. Als Verbraucher kann man demnach viel tun, um wichtige, positive Veränderungsprozesse in der Kaffeeproduktion anzustoßen und mitzutragen.

Bildnachweise:
Bild 1: istock © DeanDrobot | Bild 2 istock © Stephen Wells

Eine Forschungsreise zum Ursprung des Kakaos in Ecuador – Teil III: Das Leben der Kakaobauern

Teil 3. Die Frage nach dem perfekten Kakaoanbau

[Wer die bisherigen Teile der Ecuador-Expedition verpasst hat: Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.]

Eduards Segeltrip (siehe Teil 2) endete schließlich mit der Überquerung des Atlantiks auf Antigua. Von dort gab es einfach kein rechtzeitiges Wegkommen per Segelboot, sodass der letzte Teil mit dem Flieger bewältigt werden musste. Von Antigua nach Kolumbien und danach mit dem Bus nach Quito, in die Hauptstadt Ecuadors. Ich hingegen wählte den einfacheren Weg nach Ecuador: Mit dem Flugzeug. Aber weil das nicht gerade eine sehr umweltfreundliche Art zu Reisen ist, habe ich meinen durch den Flug verursachten CO2-Ausstoß bei Atmosfair (www.atmosfair.de) „kompensiert“. In Quito wartete Eduard bereits am Flughafen auf mich und eine Minute später saßen wir schon im lauten, knatternden Bus, der mit einer schwarzen UOPROCAE_Fischer_2_600x800_webQualmwolke davon düste. Hallo Ecuador!

Während unseres Aufenthalts in Ecuador besuchten wir elf Kakao-Kooperativen, wohnten dabei meist bei Familien der Kakaobauern- und bäuerinnen und über die reine Forschung hinaus bauten wir zwischenmenschliche Beziehungen auf, die mit keinem Siegel dieser Welt messbar sind. Wir wollten wirklich verstehen, was die KakaoproduzentInnen sich für ihre Arbeit mit dem Kakao wünschen. Und wir wollten wissen, wie ökologisch Bio-Kakao eigentlich ist, ohne schon vorher mit einer Checkliste daherzukommen, um zu prüfen, ob sie unseren Wertevorstellungen und Standards „gerecht werden“.

Nachdem wir uns ein paar Tage in Quito organisiert haben, ging es los zur ersten Kakao-Kooperative an die Küste nach Esmeraldas, genauer gesagt nach Atacames. „Oh… Esmeraldas? Es un poco peligroso. ¡Cuídate!“, wurde uns mehrmals gesagt. Was bedeutet, dass wir dort besondere Vorsicht walten lassen sollten, denn wir fuhren in eine der ärmsten Provinzen Ecuadors. Dort angekommen, spürten wir gleich, dass wir nicht mehr im andinen Quito waren. Wir waren nun an der Küste, wo uns das schwüle Klima fast erschlug, als wir aus dem klimatisierten Bus stiegen. Hier also sollte irgendwo der besagte Kakao wachsen.

In Atacames ist die Kakao-Kooperative „APROCA“ und die dazugehörige Dachorganisation „UOPROCAE“ beheimatet. Die Namen klingen meistens so merkwürdig, da es Abkürzungen sind: UOPROCAE bedeutet „Unión de Organizaciones de Cacao Arriba Esmeraldas“. „APROCA“ hingegen „Asociación de Productores de Cacao Atacames“. Der letzte Buchstabe steht hier also immer für den Ort wo sich die Kooperative befindet.
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Francisco, der Geschäftsführer von UOPROCAE, erwartete uns schon. Ich glaube die wirklich erste Frage nach dem üblichen „que tal?“ („wie geht’s“) war: „Habt ihr ökologischen Mückenschutz?“ Wir wunderten uns, dass er sich so um unsere Gesundheit sorgt, da er unsere Fläschchen penibel auf deren Inhalt prüfte. Doch dann stellte sich schnell heraus: Es geht um die Gefahr von Kontamination des Bio-Kakaos durch chemischen Mückenschutz. Wow, wir waren beeindruckt von so viel Vorsicht. Er drückte gleich jedem von uns ökologischen Mückenschutz in die Hand und dann konnten wir in Ruhe ankommen.

UOPROCAE dient als Dachorganisation für sechs Basis-Kooperativen, die in der Region von Esmeraldas verteilt sind. Innerhalb dieser Kooperativen sind die KakaoproduzentInnen organisiert. Diese sind quasi selbstständige Kleinbauern und -bäuerinnen (das heißt, sie haben ca. 1-10 ha Land) und verkaufen ihren Kakao an die Basiskooperative, zu welcher sie gehören. Über die Dachkooperative wird dann der Handel abgewickelt, Zertifizierungen auf dem neuesten Stand gehalten, Schulungen organisiert und so weiter. UOPROCAE ist zu 100% Fairtrade- und Bio-zertifiziert und einige ProduzentInnen haben auch Demeter-zertifizierten Kakao. Was wir jedoch an UOPROCAE besonders spannend fanden: Regenerativer Kakaoanbau. Denn dieser Ansatz geht sogar noch einen Schritt weiter als Fairtrade-und Bio-Anbau. Warum weiter? Ist Bio und Fairtrade nicht genug?

Vielleicht vorab: Wir möchten hier niemandem den Genuss an Schokolade verderben! Im Gegenteil. Und Fairtrade und Bio sind im aktuellen System häufig die besten Alternativen auf dem Markt, wenn es um ethischen Konsum geht. Aber es sollte eben noch einen Schritt weiter gehen. Wir kommen dann auch zu hoffnungsvollen Lösungsansätzen, versprochen!

Der Anteil an Fairtrade und Bio-Schokolade wächst und bis zum Jahr 2020 haben sich viele große Schokoladenhersteller zum Ziel gesetzt, nur noch zertifizierten Kakao zu kaufen. Und doch weist das Kakaobarometer 2015 darauf hin, dass der Großteil der KakaoproduzentInnen immer noch unterhalb der von der UNO definierten Armutsgrenze lebt. Ist es also egal, ob ich zertifizierte Schokolade kaufe oder nicht?

Diese Frage stellten wir auch George, der Kakaoproduzent bei UOPROCAE und Vertreter der Basiskooperative ‚Eco-Cacao‘ ist. Natürlich sei das nicht egal und im aktuellen System besser als konventioneller, unzertifizierter Kakao. Denn durch die Zertifizierungen habe sich die Organisationsstruktur der Kooperative wesentlich verbessert und durch den Anbau von Bio-Kakao werde die Umwelt weniger belastet und zerstört, die Bauern und Bäuerinnen kommen nicht mit Giftstoffen wie dem Totalherbizid Glyphosat in Kontakt und die Böden und Gewässer, von denen sie leben, werden geschont. Die Zertifizierungen stellen jedoch auch einen erhöhten Arbeitsaufwand für die Kooperative dar, der durch die Siegel-Prämien nicht ausreichend kompensiert werde. Außerdem seien ein wesentliches Problem die Zertifizierungskosten, die jährlich pauschal anfallen, unabhängig von der tatsächlichen Verkaufsmenge des zertifizierten Kakaos. Denn manche Kunden zahlen zwar den Aufpreis für das Bio-Zertifikat, haben aber kein Interesse an dem Fairtrade-Zertifikat. Eine Verbesserung wäre laut George, wenn beispielsweise die jährlichen Zertifizierungskosten abhängig von der tatsächlich verkauften Menge zertifizierten Kakaos berechnet werden würden.

Während unserer Reise stellten wir immer wieder fest, dass viele Kooperativen durch unbezahltes Engagement ihrer Mitglieder am Leben gehalten wurden, denn es mangelt an Geldern, um grundlegende Arbeiten zu entlohnen. Angel und Felipe zum Beispiel leben unter der Woche im Bürohaus der Kooperative, um Kakao der Mitglieder entgegenzunehmen und die Kooperative vor Einbrüchen zu bewachen.
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Ihre Familien leben einfach aber idyllisch auf dem Land, sodass sie ihre Kinder und Ehefrauen nur am Wochenende sehen. Angel ist bereits über 70, aber dennoch leidenschaftlich und sehr agil in seiner Arbeit. Er lacht viel und auf den ersten Blick scheint es ihm nicht viel auszumachen. Aber abends, wenn wir zusammen in der provisorischen Küche kochten, erzählte er uns, wie prekär die Lage für ihn und die Kooperative sei, da es keine Finanzen in der Kooperative gibt, um jemanden für diese Stelle zu bezahlen.

Aus diesem Grund sind es häufig lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen, die den Kooperativen helfen, Zertifizierungskosten zu bezahlen, oder Schulungen anzubieten. Da solche Projekte aber meist auf einige wenige Jahre begrenzt sind, verhilft das den Kooperativen nicht gerade zur Eigenständigkeit. Langfristige direkte UOPROCAE_bei Ademir_Fischer_600x450_webHandelsbeziehungen mit Schokoladenunternehmen hingegen können es Kooperativen ermöglichen, auf eigenen Beinen zu stehen, wie es uns einige Beispiele später auf der Reise zeigen sollten.

Ein Tag bei der Kakaoernte mit dem Vater von Luis (Luis arbeitet in der Kooperative) hat mir gezeigt: Auweia, ist das anstrengend! Die Kakaobäume sind häufig in hügeliger Landschaft, sodass man mit seinen Gummistiefeln manchmal einige Meter im Matsch rutscht und aufpassen muss, nicht auf dem Hintern zu landen. Gut, mit „einigen Metern“ übertreibe ich hier natürlich etwas. Aber für Laien wie mich war allein das Herumlaufen auf der Plantage schon eine Herausforderung. Die Kakaofrüchte wurden mit der Machete vom Baum geschnitten, geöffnet und die vom weißen, schleimigen Fruchtfleisch (der pulpa) umgebenen Kakaobohnen in einen Eimer geleert. Umzingelt von Mücken, lutscht man während der Arbeit auch mal auf Kakaobohnen herum, die ganz und gar nicht an den Geschmack von Kakao oder Schokolade erinnern. Es ist ein fruchtiges, sauer-süßes Geschmackserlebnis, mich erinnert es ein kleines bisschen an Litschis. Verschwitzt und ein wenig zerstochen ging ein Erntetag zu ende. „Respekt vor den Kakaobauern, die das ständig machen“ war mein letzter Gedanke, bevor ich in einen tiefen erholsamen Schlaf fiel.
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Einen Tag half ich dabei, Setzlinge für neue Kakaobäume zu pflanzen. Dies war eine Gemeinschaftsaktion der Jugendorganisation von UOPROCAE. Die Jugendorganisation besteht aus 15-25-jährigen Jugendlichen und soll der Kooperative helfen, auch in Zukunft KakaoproduzentInnen zu haben. Denn auch hier in Ecuador zeigt sich der globale Trend, dass die große Mehrheit der heutigen KakaoproduzentInnen um die 50 Jahre alt ist und die nächste Generation lieber in Städte abwandert um dort Geld zu verdienen – denn in Ecuador z.B. gibt es bei einem Anstellungsverhältnis immerhin einen gesetzlichen Mindestlohn, der einem selbstständigen Kleinbauern nicht garantiert ist.

Um den Kakaoanbau für Mensch und Natur fairer zu gestalten, arbeitet die Kooperative UOPROCAE am sogenannten ‘regenerativen Kakaoanbau‘. Mit dem Projekt ‚Cacao regenerativo‘ (www.regenerativecacao.com) haben sich einige Mitglieder der Kooperative zur Grundlage gemacht, Kakaoanbau ganzheitlich zu betrachten und der Essenz von Kakao näher zu kommen: Eine aus dem Amazonas Ecuadors stammende Pflanze, die ursprünglich in einem diversen und intakten Ökosystem wuchs und in vielen alten Kulturen Lateinamerikas von höchst kultureller Bedeutung war.UOPROCAE_regenerativo_Fischer_1200x900_web

Inspiriert von Permakultur-Prinzipien stehen ökologische und soziale Gesundheit hier an oberster Stelle. Das heißt unter anderem, dass beim Anbau nicht nur auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet wird, wie es im Bio-Anbau der Standard ist, sondern der Kakao in einem artenreichen Ökosystem angebaut wird und früher abgeholzte Flächen wieder aufgeforstet werden. Im Vordergrund stehen Humusaufbau und die Stärkung und Wiederbelebung von Artenvielfalt, um intakte und widerstandsfähige Waldökosysteme zu schaffen. Das macht die empfindlichen Kakaobäume im Vergleich zu Monokulturen resistenter gegen Schädlinge, lässt den Boden ordentlich CO2 speichern und wirkt sich auch sozial-ökonomisch positiv auf die ProduzentInnen aus: denn durch den Anbau von Nahrungsmitteln wie Papaya, Bananen, Avocados, diversen Zitrusfrüchten und anderen Pflanzen sind die ProduzentInnen resilienter gegenüber Marktschwankungen des Kakaopreises und schlechten Ernten. In Kürze: Regeneration bedeutet Heilung und Erneuerung von geschädigten oder ungesunden Ökosystemen.

Zentrum dieses progressiven Projekts ist der Ort Caimito, ein wunderschönes kleines Kakaoparadies an der Küste von Esmeraldas. Hier lebt Fabiola, die mit Herzblut an einem besseren Leben für die Gemeinde arbeitet – und das durch regenerativen Kakaoanbau und Ökotourismus . Denn dieser Ort lockt Interessierte aus aller Welt an, die erfahren wollen, was „regenerativer Kakaoanbau“ bedeutet und was vielleicht nächste Schritte nach dem aktuellen Standards von Bio und Fairtrade sein könnten. Die Kakaoplantagen hier erinnerten auf den ersten Blick ganz und gar nicht an Plantagen, sondern eher an eine typischen Tropenwald. Hier mussten wir unseren Weg durch verschiedenstes Gestrüpp suchen, wobei einem Fabiola laufend die Pflanzen erklärte – von medizinischen Heilkräutern bis zu Kochbananen. Während ich versuchte ihr zuzuhören und dabei nicht auszurutschen oder von Ästen erschlagen zu werden, befand sich Eduard in weiter Ferne hinten dran und machte GPS-Aufnahmen und Fotos für unsere Ökosystemanalyse, die wir in den meisten Fincas machten.

Ja, die Datenerhebung war nicht immer einfach, da wir nach solchen Wanderungen entweder bei Familien, wie der von Ademir wohnten, wo wir umzingelt von Kindern versuchten, das Gelernte vom Tag irgendwie niederzuschreiben… und ab und an auch mal aufgaben und lieber Ukulele mit den Kindern spielten oder Salsa tanzten. Ja, die Kids zeigten uns, wie das geht. Oder aber wir befanden uns gerade auf dem Weg von einem Ort zum nächsten und arbeiteten auch mal auf der Ladefläche eines LKWs.
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Duschen gab’s dann auch nicht immer, oft war es eine Regentonne, aus der man sich zum Beispiel mit einem Bauarbeiterhelm Wasser über den Kopf schüttete, während Ameisen am Fuß hoch krochen und ich die Worte meines Tropenarztes verbannen musste, nicht in stehenden Gewässern zu baden, da dort Mücken ihre Larven legen. Eine Regentonne würde ich als stehendes Gewässer bezeichnen, aber naja, ich hatte keine Wahl. Ich fühlte mich zumindest frischer danach! Und Eduard erinnerte mich immer wieder auf dieser Reise an unseren außergewöhnlichen Daseinsgrund: Fast als ob er es sich selbst in Erinnerung rufen müsste, wiederholte er immer wieder mit einem breiten Grinsen im Gesicht „Wir sind Forscher in Ecuador“!

Die Reise war hier noch lange nicht zu Ende. Wir besuchten noch weitere Kooperativen und Projekte in entlegenen Teilen des ecuadorianischen Regenwaldes, wo eine Kakao-Kooperative unter anderem daran arbeitet, die vom Aussterben bedrohten Klammeraffen (engl. „spider monkeys“) zu schützen. Und wir fuhren nach Tena im Amazonasbecken, wo eine von Frauen dominierte Kooperative den Erhalt der nativen Kichwa-Kultur durch Kakaoanbau zu schützen versucht. Und dann besuchten wir noch Carlos, den Präsidenten einer Kooperative, die nicht Bio und nicht Fairtrade zertifiziert ist. Nicht, weil er es so will, sondern weil die Kooperative skrupellosen Zwischenhändlern ausgeliefert ist. Was das bedeutet, berichten wir im nächsten und wohl letzten Blogeintrag unserer Ecuador-Reise. Mit Carlos und seinem 16-jährigen Sohn Gabriel erlebten wir auch das 7,8 starke Erdbeben, das Ecuador am Abend des 16. April schwer erschüttern ließ, mehr als 750 Menschen das Leben nahm und vielen weiteren Menschen ihr Zuhause zerstörte.

Davon, und auch von dem was wir daraus gelernt haben, berichten wir im nächsten Blogeintrag.

Bildrechte:
Alle Bilder © Fischer, außer Bild 3 & 5 © Radeljić